PROLOG
Die Smaragdgrüne Sonne
Vor langer, langer Zeit… lange, bevor Sankt Patrick erschien. Lange bevor die keltischen Stämme kamen. Oder bevor man Gälisch sprach. In der Zeit jener irischen Götter, die nicht einmal ihre Namen hinterließen.
Damals geschah an einem bestimmten Wintermorgen etwas, das sich jedes Jahr um diese Zeit wiederholte, vermutlich mehrere Jahrhunderte lang.
* * *
Der Himmel war bereits klarer, blasser Azur. In wenigen Augenblicken würde vom Meer her die Sonne aufgehen. Schon war von der Ostküste der Insel aus längs des Horizonts ein goldenes Schimmern zu sehen. Es war die Wintersonnenwende, der kürzeste Tag des Jahres.
Eigentlich war die Insel Teil eines Paars, das direkt vor der Atlantikküste des europäischen Festlands lag. Einst, vor Tausenden von Jahren, als beide Teile noch in der großen weißen Starre der letzten Eiszeit eingeschlossen waren, hatte ein Steindamm sie miteinander verbunden, der von der Nordostecke der kleineren westlichen Insel zum oberen Teil ihrer Nachbarin hinüberführte, und diese war wiederum im Süden durch eine Landbrücke aus Kreide mit dem kontinentalen Festland verknüpft. Am Ende der Eiszeit, als die Fluten der abschmelzenden Arktis die Welt unter Wasser setzten, überfluteten sie jedoch den steinernen Damm, durchschlugen die Kreidebrücke und erschufen auf diese Weise zwei Inseln im Meer.
Die trennenden Gräben waren recht schmal. Der überflutete Damm, der von der westlichen Insel, die eines Tages den Namen Irland erhalten sollte, zu der Landzunge von Britannien führte, genannt Mull of Kintyre, war nur ein Dutzend Meilen lang; die Lücke zwischen den weißen Klippen von Südwestengland und dem europäischen Kontinent war kaum mehr zwanzig Meilen breit.
Daher wäre zu erwarten gewesen, dass die beiden Inseln einander sehr ähnlich sein würden. Und in gewisser Weise waren sie es auch. Aber es gab feine Unterschiede. Denn als die Flutwasser sie vom Festland abschnitten, waren sie noch dabei, sich allmählich von ihrem arktischen Klima zu erwärmen. Pflanzen und Tiere waren gerade erst aus dem wärmeren Süden zurückgekehrt. Und als der Steindamm überflutet wurde, hatten manche Arten, die bereits den südlichen Teil der größeren, östlichen Insel erreicht hatten, wie es scheint, noch keine Zeit gehabt, um zu der westlichen überzusetzen. Während die Eiche, der Haselbusch und die Esche auf beiden Inseln reichlich vorhanden waren, hatte die Mistel, die auf den britischen Eichen wächst, daher noch nicht ihren Weg bis auf die irischen Bäume gefunden. Und aus dem gleichen Grund hat es in Irland nie jene Schlangen und giftige Kreuzottern gegeben, von denen die Briten geplagt wurden.
Die westliche Insel war zum größten Teil mit dichtem Wald bedeckt, gelegentlich von Moorgebieten unterbrochen. Hier und da erhoben sich stattliche Bergrücken. Das Land hatte viele Flüsse, die reich an Lachsen und anderen Fischen waren; und der größte Fluss mündete, nachdem er sich durch eine Reihe von Seen und anderen Wasserläufen geschlängelt hatte, im Westen in den Atlantik. Aber den Menschen, die als Erste hierher kamen, dürften noch zwei weitere Merkmale der natürlichen Landschaft aufgefallen sein.
Auf Lichtungen im dichten Wald oder auf kahlen Bergeshängen traten Felsen zutage, die aus magisch glitzerndem Quarz bestanden. Manche dieser Felsen waren von tiefer reichenden Goldadern durchzogen. So kam es, dass in einigen Gegenden die Flüsse buchstäblich glänzten durch den Staub von Gold.
Das zweite Merkmal hing vielleicht mit der Feuchtigkeit des Windes zusammen, der vom Atlantik hereinfegte, oder mit der milden Wärme des Golfstroms oder mit der Art, wie das Licht in jenen Breiten einfiel – auf alle Fälle hatte die Vegetation der Insel eine einzigartig smaragdgrüne Farbe, die nirgendwo anders zu finden war. Und vielleicht war es diese uralte Verbindung von Smaragdgrün und fließendem Gold, die der westlichen Insel ihren Ruf einbrachte, von magischen Geistern bewohnt zu sein.
Und welche Menschen wohnten auf der smaragdgrünen Insel? Nach der Eiszeit waren es zunächst Jäger, dann Ackerbauern, die in Irland lebten. Sie wussten, wie man mit Stein baut, aus Bronze Waffen herstellt und kunstvolle Töpferwaren gestaltet. Sie trieben auch Handel mit Kaufleuten, die sogar aus so weit entfernten Gegenden wie Griechenland kamen. Und stellten aus dem Gold, das auf der Insel so reichlich vorhanden war, Schmuck her. Goldschmuck für den Hals, Armreife aus Golddrahtgeflecht, Ohrringe und Sonnenscheiben aus getriebenem Gold – die irischen Goldschmiede waren ihren europäischen Kollegen überlegen. Man könnte sie als Zauberhandwerker bezeichnen.
* * *
Nun würde jeden Augenblick die Sonne über dem Horizont erscheinen und das Meer in gleißendem Licht erstrahlen lassen.
An einer Stelle in der Mitte der Ostküste gab es zwischen zwei Landzungen eine ausgedehnte, freundliche Bucht. Der südliche Landvorsprung bot in Richtung Süden an der Küste entlang Aussicht auf eine Reihe von Hügeln und auf zwei vulkanische Berge, die sich so elegant vom Meeresstrand erhoben, dass sich ein Besucher in die wärmeren Klimazonen von Süditalien versetzt wähnen konnte. Oberhalb der anderen Landspitze erstreckte sich eine breite Ebene nordwärts auf die weiter entfernten Berge zu, die unterhalb des verschwundenen Damms lagen, der einst zu der zweiten Insel führte. In der Mitte der Bucht dehnten sich weite Marschen und Sandbänke einer Flussmündung.
Die Sonne brach über den Horizont und sandte einen brennenden goldenen Blitz über das Meer. Und als die Sonnenstrahlen über die nördliche Landspitze der Bucht und die dahinter liegende Ebene jagten, schoss ihnen ein antwortender Blitzstrahl entgegen, als hätten sie einen riesigen kosmischen Reflektor auf dem Boden getroffen. Dieser Blitz war in der Tat bemerkenswert, denn er kam von einem riesigen, höchst merkwürdigen Objekt, das von Menschenhand geschaffen war.
Etwa fünfundzwanzig Meilen nördlich der Bucht gab es einen anderen stattlichen Fluss, der nach Osten ins Meer mündete. Er führte durch ein Tal, dessen üppiges grünes Land stellenweise den fruchtbarsten Boden der Erde enthielt. Und auf dem sanft abfallenden Höhenrücken über dem nördlichen Ufer des Flusses hatten die Bewohner der Insel mehrere riesige und eindrucksvolle Bauwerke errichtet, deren bedeutendstes gerade diesen blendenden Lichtstrahl in den Himmel geschickt hatte.
Es waren riesige kreisrunde Grashügel, deren zylindrische Seitenwände und konvexe Dachgewölbe auf eine äußerst sorgfältige Konstruktion schließen ließen. An ihrer Basis reihten sich monumentale Steine, die mit eingeritzten Zeichen –Kreisen, Zickzacklinien und seltsam halluzinatorischen Spiralen – bedeckt waren. Das Erstaunlichste war jedoch, dass die gesamte, der aufgehenden Sonne zugewandte Oberfläche mit weißem Quarz verkleidet war; und diese riesige gewölbte, kristallene Wand war es, die nun, während sie den Sonnenaufgang einfing, funkelte, aufleuchtete und ein reflektiertes Sonnenfeuer zurück in den Himmel strahlte.
Aber wer waren die Erbauer dieser Monumente über den stillen, von Schwänen durchzogenen Wassern des Flusses? Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Und zu welchem Zweck hatten sie diese Hügel errichtet? Als letzte Ruhestätte für ihre Prinzen – so viel ist bekannt. Aber welche Prinzen darin ruhten oder ob ihr Geist gut oder bösartig war, das lässt sich nur vermuten. Wie dem auch sei, dort ruhten sie, die uralten Ahnen der Menschen auf dieser Insel, als dienstbare Geister und harrten der Dinge, die noch kommen sollten.
Diese großen Hügel waren aber nicht nur Gräber, sondern zugleich auch heilige Stätten, die zu bestimmten Zeiten die göttlichen und geheimnisvollen Kräfte des Universums empfingen, die das Land mit kosmischem Leben beschenkten. Und dies war der Grund, weshalb man in der Nacht, die soeben zu Ende ging, das Tor zu dem Heiligtum geöffnet hatte.
In der Mitte der strahlenden Quarzfassade befand sich nämlich ein schmaler Eingang, der von monumentalen Steinen flankiert war. Drinnen führte ein unmerklich ansteigender, gerade verlaufender Gang, der von »stehenden Steinen« gesäumt wurde, in das Zentrum des gewaltigen Erdhügels. Er endete in einer dreiteiligen Kammer mit kleeblattförmigem Grundriss. Viele der Steine im Innern des Gangs und der Kammer waren wie die auf der Außenseite mit eingravierten Mustern verziert worden; besonders auffällig war das Muster von wirbelnden Dreierspiralen. Der schmale Gang war so ausgerichtet, dass genau in dem Moment, da der Tag der Wintersonnenwende anbrach, das Antlitz der aufgehenden Sonne, während sie über den Horizont stieß, direkt durch den kleineren Spalt über dem Eingang blickte und seine warmen Strahlen den dunklen Gang entlang bis ins Zentrum des Hügels schickte.
Hoch in den Himmel schossen nun die Sonnenstrahlen über die Bucht, über die Küstenlinie der Insel hinweg, durch die winterlichen Wälder und kleinen Lichtungen hindurch. Über das Flusstal hinweg flogen die Sonnenstrahlen direkt auf den Grabhügel zu; dessen Quarz erstrahlte, nun scheinbar selbst in Flammen, sobald er von der grünen Landschaft ringsum das reflektierte Licht aufgriff, wie eine smaragdgrüne Sonne.
Lag nicht etwas Kaltes und Schauriges in diesem grünlichen Schein, während die Sonnenstrahlen plötzlich durch das Tor in den dunklen Gang des Grabhügels drangen?
Der Gang im Monument aber war so raffiniert angelegt, dass die Strahlen der Sonne, während diese allmählich höher stieg, ganz sacht und langsam, nicht schneller als ein auf dem Boden kriechendes Kind, diesen Weg entlangschlichen und dabei einen Stein nach dem anderen zu einem sanften Leuchten brachten, bis die Strahlen schließlich die dreifache Kammer im Zentrum des Hügels erreichten. Dort nahmen sie plötzlich wieder ihre rasende Geschwindigkeit auf, strahlten funkelnd bald hierhin, bald dorthin, tanzten und erfüllten das Mittwintergrab mit Licht und Wärme und Leben.